Carl-Christian v. Plate empfiehlt Landwirten Ihre Mitbürger zu informieren.

Carl-Christian v. Plate ist Landwirt und engagiert sich in der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG). Foto DLG

Fallbeispiel Glyphosat: So funktioniert Politik

Mit seinem ersten offenen Brief an die Berliner Politik traf der Landwirt Carl-Christian v. Plate ins Schwarze. Er erntete viele Reaktionen für seine schonungslose Analyse von politischen Entscheidungsprozessen.

2016-11-30

Herr v. Plate, ihr offener Brief an den SPD-Agrarsprecher Dr. Wilhelm Priesmeier hat hohe Wellen geschlagen. Sind Sie ein erfahrener Medienprofi?

Nein, sicherlich nicht. Bisher habe ich selten Leserbriefe und noch nie einen offenen Brief geschrieben. Aber am Beispiel Glyphosat ist mir – wenn Sie so wollen – der Kragen geplatzt. Angesichts der wissenschaftlich basierten Stellungnahmen der zuständigen nationalen (BfR), europäischen (EFSA) und internationalen (WHO) Behörden, empfinde ich es als haarsträubend, wie in der Berliner SPD dessen ungeachtet nach tages- und parteipolitischen Vorteilserwägungen taktiert und entschieden wird. Dr. Priesmeier vertritt die SPD für unseren Wahlkreis in Berlin. Es lag nahe, sich an Ihn zu wenden.

Wie ist der Brief denn so groß herausgekommen?

Ursprünglich wollte ich mir eigentlich nur meinen eigenen Frust von der Seele schreiben. Als der Text dann fertig vor mir lag, habe ich ihn neugierig der DLG zugeleitet. Von dort nahm der Brief zu meiner eigenen Überraschung seinen Lauf. Es waren vor allem die Online-Redaktionen von top agrar, DLG oder Agrarzeitung, die wiederum in soziale Netzwerke ausstrahlten. Lokalzeitungen haben den Text veröffentlicht, die Redaktion der ZEIT sich damit befasst. Es war eine komplett neue Erfahrung, wie unfassbar schnell und leicht sich heute Nachrichten und Botschaften verbreiten lassen. Einerlei, welchen Inhalts und Qualität die sind.

Welche Rückmeldungen haben Sie bekommen?

Bei mir ist überwiegend großer Zuspruch aufgelaufen. Keineswegs nur aus der Landwirtschaft. So von einem Mann, der 50 Kopien des Briefes in der Arztpraxis seiner Frau ausgelegt habe und mir sagte, was ich beschrieben hätte, gelte doch losgelöst für ganz viele politische Entscheidungsprozesse. Bemerkenswert fand ich auch Reaktionen aus der Wissenschaft, die beklagten, dass seitens der Politik zunehmend wissenschaftlich basierten Erkenntnissen nicht mehr gefolgt würde, wenn der Mainstream eine andere Richtung hätte.

Wie hat die Politik reagiert?

Dr. Priesmeier war klug genug, sich selber nicht zu äußern, denn als Fachmann ist er ja selber ein Getriebener! Nur indirekt habe ich von Reaktionen erfahren, wo natürlich zunächst versucht wurde, meinen Text und mich zu disqualifizieren. Aber hinter vorgehaltener Hand gab es sogar Zustimmung. Politik wird heute getrieben vom vordergründigen Ringen um Zustimmungsraten. Und die entstehen immer schneller getaktet zu allem und jedem auf den „Straßen und Plätzen“, also den Online-Plattformen, ohne dass es dafür einer fachlichen Legitimation bedarf.

Werden Sie jetzt regelmäßig offene Briefe schreiben?

Wohl kaum. So etwas ist nur eine von vielen Möglichkeiten, wie man als Landwirt eigene Themen und Sachverhalte über moderne Landwirtschaft in die Öffentlichkeit bringen kann. Das halte ich jedoch für dringend notwendig – wenn nicht sogar für überfällig. Ein Schlüsselerlebnis war dabei die Begegnung mit dem ehemaligen Schulbusfahrer meiner längst erwachsenen Kinder. Als wir ihm auf der Dorfstraße mit Trecker und Pflanzenschutzspritze begegneten, fasste er sich an die Nase und drohte mit der Faust… Seit einiger Zeit bemühe ich mich daher ganz bewusst um Kontakte zu meinem nicht-landwirtschaftlichen Umfeld, so zum Beispiel über Artikel und Reportagen in unserer Lokalzeitung zu aktuellen Themen. Es hat mich gewundert, wie gut man da landen kann.

Wie lautet Ihr persönliches Fazit aus den Erfahrungen rund um den offenen Brief?

Mir ist es noch bewusster geworden, wie wichtig ein ausgewogenes Umfeld für uns Landwirte ist. Mitbürger müssen wieder eine Vorstellung davon bekommen, was wir mit welchen Mitteln und warum tun. Jeder sollte sich fragen, wo und wie er dazu beitragen kann. Wenn man sich bislang nicht so sehr mit Öffentlichkeitsarbeit befasst hat, ist es ein Lernprozess. Die nötigen Kontakte und die Erfahrung fallen nicht vom Himmel. Oft habe ich mich auch über mich selber geärgert, wie schlecht ich da und dort war. Aber wer in seinem Betrieb größere Investments tätigen will, muss sich auch in Lernfelder hineinbegeben, Kontakte und Netzwerke aufbauen und bespielen. Darin Erfolge zu haben, ist sehr motivierend. Und wer glaubt, überhaupt nicht für Öffentlichkeitsarbeit geeignet zu sein, sollte zumindest die Aktivitäten anderer unterstützen und zum Beispiel einen finanziellen Beitrag für die Arbeit des FORUM leisten. Es gilt, der modernen Landwirtschaft das freundliche Gesicht zu verleihen, das sie ganz überwiegend auch verdient hat. Das wird es nicht zum Nulltarif geben.

Offener Brief an den SPD-Agrarsprecher Dr. Wilhelm Priesmeier

 

Carl Christian von Plate

Carl-Christian v. Plate: „Politik wird heute getrieben vom vordergründigen Ringen um Zustimmungsraten.“ Foto DLG